Curus Blog
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Kann man das bitte mal zur Kenntnis nehmen?

Es wird gerade heftig um Bodo Thiesen gestritten. Der Mann ist schon vor Jahren durch äußerst fragwürdige Aussagen zum Thema Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Drittes Reich etc. aufgefallen, aber jetzt weckt das eigentlich nur deshalb Interesse, weil er Mitglied der Piratenpartei ist.
Die Meinungen zu seiner Person klaffen weit auseinander, es ist alles dabei zwischen „solange er die Meinung der Partei nicht damit vermischt ist das doch okay“ und „solche Leute müssen sofort aus der Partei raus“. Manche verwechseln den Menschen mit der Partei selbst und lassen sich daher dazu verleiten, die Piraten ab sofort als unwählbar hinzustellen. Das ist auch so schön einfach und macht riesigen Spaß, im „Superwahljahr“ hatte man ja auch bisher schon (meist zu Recht!) so großen Gefallen daran, da kann sich die Piratenpartei doch prima in die Reihe der anderen einfügen, die dieses Jahr schon von der Bloggerszene zerrissen wurden. Mit dem Unterschied, dass eine nicht unerhebliche Anzahl der Blogger zumindest mit der Piratenpartei sympathisiert, wenn nicht Mitglied ist, einfach aus der Tatsache heraus, dass es um das Internet geht, was all jenen gleichsam am Herzen liegt.
An der Stelle entsteht meiner Meinung nach auch die große Spannung in der aufkeimenden Debatte: Es geht nicht um eine Partei wie die CDU, die ohnehin schon vielfach abgekanzelt wurde, es geht um die Piraten, die Hoffnung der Internetgemeinde. Hier entbrennt der Kampf der Blogger, die nur darauf gewartet haben, mal wunderbar polemisch auf irgendwem rumzukloppen, und der Piratensympathisanten, die unter den entsprechenden Blogeinträgen den Autor anpöbeln, wie er denn ausgerechnet etwas gegen die Piraten zu sagen dürfen glaubt.

Daher würde ich darum bitten: Bevor die Polemiker, welche die Piratenpartei dieser Tage schon wieder als gescheitert (oder gekentert, ach ja, diese Wortspiele) betrachten wollen, Recht behalten, wäre es doch förderlich, einfach mal einen kühlen Kopf zu bewahren. Ich persönlich freue mich nämlich immer, wenn die Maul-Aufreißer, die alles natürlich zuerst ahnten, wussten und bloggten, hinterher auf die Schnauze fallen. Nicht aus Schadenfreude, sondern weil frühzeitiges „jetzt hat das also auch alles keinen Sinn mehr“ einfach nervt – und nichts bringt.

Die Piratenpartei ist zudem eine Kleinpartei, auch trotz des Popularitätsschubs durch alles rund um Zensursula und Tauss. Sie tritt für ein bestimmtes Ressort an Themen ein und deckt nicht alle Politiksparten ab, ist also auch noch „Nische“. Natürlich finde ich Thiesen und seine Aussagen verabscheuungswürdig, darüber muss man gar nicht diskutieren. Aber von einer solch kleinen Partei, die derzeit mit den ersten bürokratischen Akten zu kämpfen hat, die dem typischen Piraten-Nonkonformisten natürlich auch missfallen, sofort eine durchdachte und unanfechtbar richtige Reaktion zu erwarten, ist einfach ein bisschen überzogen. Vor allem, wenn in den Blogs nicht nur mögliche Fehler der Partei analysiert werden, sondern diese gleich als gestorben hingestellt wird. Kann man das bitte unterlassen?

Man sollte in dem Kontext auch beachten, dass Bodo Thiesen nicht gerade eine Lichtgestalt der Prominenz ist, wie Jörg Tauss auch in den Kommentaren bei den Ruhrbaronen erklärt: „Ich habe Thiesen beispielsweise nicht gewaehlt: Weil ich ihn einfach nicht kannte.“ Es ist also auch nicht so, dass sich die Piraten einen unfassbaren Schnitzer geleistet haben, ausgerechnet diesen Thiesen für ein höheres Parteiamt zu wählen, weil man das hätte wissen müssen. Kann man also bitte mal differenzieren?

Und zudem haben speziell die großen Parteien mindestens genauso widerliche Gestalten in den oberen Parteirängen, die sind allerdings von der Basis her legitimiert. Thiesen ist das in der Piratenpartei nicht, er kriegt massiven Gegenwind, was er sogar selbst erkannt hat, deswegen führen die dort auch gerade die Debatte über das weitere Vorgehen. Kann man das bitte mal zur Kenntnis nehmen?

Trotzdem will ich nichts relativieren, sondern hoffe darauf, dass der Name Thiesen in Zukunft nicht mehr mit der Piratenpartei assoziiert wird. Ich sage trotzdem noch mal: Bitte einen kühlen Kopf bewahren. Wenn die Piraten keine Konsequenzen aus der Sache ziehen, kann man sich immer noch aufregen.

Ansonsten freue ich mich ja allgemein, dass den Piraten mehr Beachtung in den Medien geschenkt wird, aber ich ärgere mich ebenso, dass diese Beachtung meist negativ ausfällt. Das Problem bei Menschen wie Tauss und Thiesen ist nämlich nicht deren Haltung bzw. Vorgeschichte, sondern die Tatsache, dass für die Konsumenten der Mainstream-Medien außerhalb der Blogs nur diese Gesichter mit der Partei verknüpft werden. Da spielt es dann auch keine Rolle, dass Tauss nur ein normales Parteimitglied ist (völlig ungeachtet der Vorwürfe gegen ihn), wenn er auf der anderen Seite aber doch der einzige ist, der relevante Interviews gibt und von der Masse bemerkt wird. So entsteht natürlich nach außen unweigerlich der vorurteilsbehaftete Eindruck, dass die Piraten sowieso alle Päderasten und Kriminelle sind. Es wäre nur schön, wenn dieser Eindruck maximal in Pseudo-Nachrichtenmagazinen erweckt wird, nicht aber auch noch in anderen Blogs, in denen dem Autor gerade mal der Sinn nach Pöbelei stand.

Statt so etwas abzulassen, sollten wir internetaffinen Menschen uns eher auf einen inhaltlichen Konsens konzentrieren.

UPDATE (07.07.09): Ich habe ja in diesem Eintrag auf ein anderes Blog verwiesen und hier mit dessen Autor Jonathan noch ein bisschen weiterdiskutiert.
Außerdem hat die Piratenpartei eine Stellungnahme zu der Thematik veröffentlicht. Glücklich bin ich damit aber nicht, weil es von vorne bis hinten zu inkonsequent ist, weswegen die Sache für mich noch nicht abgeschlossen ist. Da Thiesen nun innerhalb von 24 Stunden reagieren soll, wird sich das aber vermutlich bald klären.
Zum Schluss habe ich noch einen weiteren Blogeintrag gefunden, der mir an einer Stelle besonders aus der Seele spricht und sich mit meinen obigen Ausführungen deckt:

„Ich finde es jedenfalls ein bisschen armselig, jeden kleinen Fehltritt der Piraten gleich mit wildem Geschrei zu beantworten: “Da! Da! Ich hab’s euch ja gesagt! Die darf man nicht wählen!”“

UPDATE 2 (08.07.09): Dieser Artikel und vor allem das darin verlinkte YouTube-Video lassen keinen Zweifel mehr daran, dass die Piraten sehr wohl von den Hintergründen der Person Thiesen wussten. Das verändert die Einschätzung der Lage natürlich sehr. Da muss nun definitiv mehr passieren!

Dennoch halte ich die „unwählbar!“-Rufe – zu diesem Zeitpunkt – nach wie vor für unangebracht und beende die Rumeditiererei an diesem Artikel, bis es handfestere Neuigkeiten als Anlass zu einem ganz neuen Eintrag gibt.

6 Antworten to “Kann man das bitte mal zur Kenntnis nehmen?”

  1. Tauss mag zwar ein normales Parteimitglied sein, aber er ist aktuell der einzige Bundestagsabgeordnete der Piraten und genießt als solcher schon eine besondere Stellung. Wenn man sich mal ansieht, [URL=“http://redblog.twoday.net/stories/5772556/“]wie[/URL] Tauss in dieser Legislaturperiode abgestimmt hat (u.a. für sämtliche Kriegseinsätze, für Diäten- und MwSt-Erhöhung, obwohl die SPD mit 0% Wahlkampf gemacht hatte, für das Banken-Rettungspaket und den Lissabon-Vertrag) und die unerträglichen Äußerungen Thiesens dazurechnet, dann sollte langsam mal wieder etwas Positives kommen, um das öffentliche Bild ein bisschen geradezurücken.

  2. Hallo!
    Freut mich, dass du meinen Blog gelesen hast, wenn auch scheinbar nicht so richtig, sonst wäre dir möglicherweise aufgefallen, dass mir nicht im geringsten „gerdade mal der Sinn nach Pöbelei stand“.

    In dem die Piratenpartei (und jetzt auch du, mit dem Verweis auf seinen Wiki-Eintrag in diesem Blogbeitrag) Thiesen ein Forum bietet und sich nicht strikt davon distanziert macht ihr euch an der Verbreitung seines Gedankengutes mit schuldig.
    Mit Meinungsfreiheit hat das nämlich nichts zu tun :

    „Das Verbreiten unrichtiger und wahrheitswidriger Tatsachenbehauptungen dient weder der freien geistigen Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, noch trägt es zu einer rationalen öffentlichen Meinungs- und Willensbildung bei. Es ist durch Artikel 5 Abs. 1 […] GG deshalb grundsätzlich nicht geschützt. [Branahl, Udo (2002): Medienrecht. Eine Einführung. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 18]“
    Aus: texteaufcornflakespackungen.de

    Darum ist es wichtig sich davon möglichst weit abzugrenzen und auch einen Parteiausschluss zu erwägen.

    Übrigens gehöre ich (und da gehören viele kritische Blogger dazu) ganz bestimmt nicht zu den Leuten die jetzt plötzlich die Piratenpartei verteufeln wollen. Im Gegenteil wünsche ich mir, dass die Piratenpartei aus ihren Kinderschuhen heraus wächst und sich die Möglichkeit schafft auf derartige Probleme schneller und vor allem sinnvoll zu reagieren.

    Ja, bis zu diesem Zeitpunkt ist die Piratenpartei noch (in meinem Blogeintrag benuzte ich auch das Wort „noch“) unwählbar, aber ich hoffe, dass sich das ändern wird und dass die immer wichtiger werdenden Fragen und Probleme der ‚Internetgeneration‘ eine starke Vertretung bekommt!

    Viele Grüße und die Bitte um Reflexion des eigenen Standpunktes, Jonathan!

    • Freut mich ebenso, dass du meinen Blog gelesen hast und wir hier ins Gespräch kommen.
      Zunächst mal: Ich bin kein Pirat! Und ich habe meinen Blogeintrag auch nicht emotional verfasst, sondern eher schlichtend formuliert. Den Eintrag habe ich also nicht geschrieben, weil ich das Gefühl hatte, dass mir kritische Blogger auf die Füße treten.

      Daher bin ich eigentlich gar nicht anderer Meinung als du – inhaltlich. Von der äußeren Form her sind Aussagen wie „Bis jetzt ist die Partei noch ein Haufen dummer Jungs (und Mädchen), die sich zu LAN-Partys treffen. Ich hoffe ihr könnt erwachsen werden!“ jedoch „Pöbelei“, wenn der Begriff auch überspitzt sein mag.

      Auch ich möchte mich von Thiesen abgrenzen, nichts anderes habe ich geschrieben, aber wenn ich in meinem völlig unrelevanten Blog von seiner Person berichte, biete ich seinen Ansichten doch noch lange keine Plattform – erst recht nicht, wenn ich die Ansichten verurteile. Mit dem Argument müsste der Teil des Geschichtsunterrichts, welcher sich mit Hitlers Ansichten beschäftigt, auch gestrichen werden.

      Aber wie gesagt, inhaltlich stehen wir uns ja eigentlich nahe. Wir hoffen beide darauf, dass die „Internetgeneration“ durch die Piratenpartei eine angemessene Repräsentation erhält. Nichts anderes meinte ich mit meinem Schlusssatz „Statt [solche Pöbeleien] abzulassen, sollten wir internetaffinen Menschen uns eher auf einen inhaltlichen Konsens konzentrieren.“ Dazu könnten wir nun ja wieder übergehen.

      Liebe Grüße zurück!

      • Ja, so uneins sind wir in unseren Aussagen nicht, ich bin persönlich immer sehr empfindlich, was derartige Thematik angeht. Mir ist stark aufgestoßen, dass einige den Vorfall herunterspielen, oder gar die Handlungsweisen der Piratenpartei in Schutz nehmen…
        Besonders diese Wiki-Seite wurde für mein Empfinden zu oft zitiert und auch die Argumente à la „die Partei sei noch so jung…“ sind meines Erachtens nach unzulässig. (Das unterstreicht mein ‚Lan-Party‘-Statement sogar…)
        Ich musste das einfach kommentieren, und da kam mir der Bezug (zu meinem Blog) auf deinem Blog gerade recht…🙂

        Ich hoffe, dass sich innerhalb der Piratenpartei ein Diskurs über diese Problematik entwickelt und die Basis das Verhalten der ‚älteren‘ Mitglieder & Vorsitzenden entsprechend ‚abstraft’…

        Auf jeden Fall bin ich gespannt wie sich die Piratenpartei entwickeln wird.

  3. […] anderen Blog erwähnt und fühlte mich gezwungen dazu Stellung zu nehmen. Dies ist die Antwort auf diesen speziellen Blogeintrag, aber auch an viele andere Piraten soll diese Antwort gerichtet sein: Hallo! Freut mich, dass du […]

  4. Nur zur Kenntnisnahme: ich hab da auch nochmal schnell meine Meinung zu verlauten lassen… kannst du hier nachlesen… Grüße!!


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