Curus Blog
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Pop-Politik für die Mitte

Ich war neulich bei einer Wahlkampfveranstaltung von Karl-Theodor zu Guttenberg. Irgendwie nur so halb freiwillig, ich hatte nichts vor, man lud mich zum Mitkommen ein und ich dachte mir, warum nicht.
Meine Erwartung war, dass ich einen CSU-Politiker sehe und höre, der mit hohlen Parolen Werbung für seine Partei macht. Was ich erlebt habe, war noch viel schlimmer.

Zunächst mal der Einlass zur Veranstaltung. Es war zwar nicht ganz so Schäuble-mäßig mit Abtasten, Urinprobe und Fingerdruckabnahme, aber ohne klares CDU-Outfit (orangefarbener Schal, passende JU-Hemden, adäquate Hackfresse) erntete man schon einige äußerst frostige Blicke. Einzig ein paar Piraten mit Banner vor dem Gebäude sorgten ansatzweise für eine Opposition, ansonsten ging man wohl davon aus, dass alle Anwesenden bei einer CDU-Veranstaltung folgerichtig auch CDU-Wähler sind.

ZuGuttenbergAutogramm

Drinnen war es dann voll, richtig voll – 1000 Leute in der Vortragshalle und viele in den Vorräumen. Zu Guttenberg gleitet eine Minute vor Beginn mit Personenschutz durch die Massen, er wird bejubelt wie ein Popstar, die ersten JUler hängen sich an seinen Rockzipfel.

Während der Rede hätte ich mir gewünscht, dass das „Und alle so: Yeaahh“-Mem schon ein Weilchen früher entstanden wäre, denn das hätte die Veranstaltung deutlich aufgelockert.
Nur: Mit wem hätte man es durchsetzen können? Anwesend sind (bis auf die Regel bestätigende Ausnahmen) tatsächlich nur Leute unter 25 oder über 55 (die Bilder verschaffen einen ersten Eindruck). Jungkonservative Mißfeldergeburten und altkonservative Adel-Fans. Das ist überhaupt so ein Punkt, viele finden zu Guttenberg ja tatsächlich toll, weil er adelig ist. Man kann sich natürlich auch gleich selbst unmündig machen und die Demokratie freiwillig ignorieren. Wahrscheinlich hat der Mann diesen Bunte-Magazin-Status, man liest doch so gerne was von diesen Schönen und Reichen.

Das alles wäre ja nicht so schlimm, wenn es nicht so absurd schleimig wäre. Und wenn der Kerl nicht auch noch Politik machen würde. Er hat es in 60 Minuten Rede auch erfolgreich geschafft, kein konkretes Wort darüber zu verlieren. Die Themen waren im wesentlichen Eigenlob, Medienschelte und „Krise erklären für Dummies“.

Die Selbstbeweihräucherung war dabei besonders eklig, zu Guttenberg redet, als ob seine Entscheidungen nur ihn betreffen würden, keine anderen Menschen. Alles im Stile von „ich bin viel rumgekommen“, „ich habe so viele Erfahrungen gesammelt“, „ich rede ungemein oft mit den Menschen“. Karl-Theodor auf Reisen in der großen weiten Welt. Es wäre ja so überraschend gewesen, dass er Wirtschaftsminister wurde, aber es hätte sich schon gelohnt, weil es so interessant war. Und jung ist er auch, also bringt er frischen Wind, gleichermaßen entschuldigt das aber auch kleine Fehler.
Er spricht von diesem Amt, als ob es ein Abenteuer zur Bereicherung seiner Lebenserfahrung wäre. Und die Leute fressen ihm aus der Hand – nach dem Motto: „Ach ja, er kümmert sich, er bemüht sich, er kommt ‚rum.“

Inhaltlich ging er kurz auf Insolvenz im Allgemeinen ein. Er hätte ja so vielen alle Hoffnung zerstören müssen, indem er schlechte Nachrichten eines Betriebes verkündigte. Aber doch nur zu unserem Besten, er wollte keine Illusionen aufbauen, er ist ehrlich, lügt nicht, volksnah. Großer Applaus.

Stichwort Medienschelte. Aus allen Dingen, die ihm in letzter Zeit vorgeworfen wurden, redete er sich mit Leichtigkeit durch das Eröffnen von Nebenkriegsschauplätzen heraus. Diese Medien seien ja ohnehin schmierig und es wäre ja auch falsch, den Wahlkampf als langweilig zu bezeichnen – gerade das ist das tolle an seiner, unserer Kanzlerin, sie kümmert sich lieber, anstatt auf die Pauke zu hauen. Sie denkt nicht ans (wahl-)kämpfen, nur an das Volk. Die große Kümmerin.

Dann eine Stellungnahme zum Vorwurf an ihn, warum er denn ein Gesetz von ausländischen Kanzleien bearbeiten ließ, wenn dafür regierungsintern Leute existieren. Na ist doch klar, ihr Dummerchen, weil das in den Kanzleien doch Experten sind, die muss man doch konsultieren. Und der Vorwurf der Vetternwirtschaft, weil in dieser Kanzlei ein anderer zu Guttenberg arbeitet, ist auch nichtig, weil er den gar nicht kannte. So. Denn so ein Adelsstammbaum ist ja auch echt unübersichtlicht, witzelt er – und natürlich hat man Verständnis, zustimmendes Gelächter im Saal, ach ja, der gute Mann hat sogar Humor. Überhaupt hat er das Publikum immer wieder mit peinlichen Kommentaren zum Lachen gebracht, beispielsweise mit diesem hier, den er gerne wiederholt.

Zwischendurch eingebracht: „Krise erklären für Dummies!“ Wir haben harte Zeiten, aber er ist ja da. Er spricht ja mit den Leuten, vor allem mit den Mittelständlern. Gerade auch diese Wahlkampfrede hält er ja nur mal eben so, denn eigentlich ist er ja in die Region gereist, um auch hier mit den Menschen zu sprechen. Toll. Der kommt ja echt überall rum.

Sein Konzept: Er hört zu. Und er kennt unser Leid. Dabei lernt er ja auch sehr viel. Er freut sich auch. Und überhaupt.

Ab und zu, schon erstaunlich subtil, wurden auch die üblichen konservativen Inhalte erwähnt. Diese Migranten da, die müssen sich endlich mal richtig integrieren, kann ja nicht angehen. Und die Kommunisten, die sind the true evil und müssen weggewählt werden. Denn wir haben ja jetzt die Deutsche Einheit und – sehr oft repetiert – man muss ja jetzt auch mal Stolz sein dürfen! Wir haben ja auch Tradition hier und überhaupt, es kann ja nicht sein, dass man sich immer nur für die eigene Geschichte entschuldigt, nein, feiern sollten wir! Es ist ja auch völlig in Vergessenheit geraten, das Positive zu sehen. Schlimm das.

Bei all dem Stolz passt es dann auch, dass zum Abschluss noch die Lokalpolitiker der CDU auf die Bühne kommen und sich in zu Guttenbergs Glanz sonnen – standing ovations. Dann (ich dachte ich träume): die Nationalhymne. Man stand ja sowieso schon. Und war verdammt stolz.

ZuGuttenbergAuto

Nun strömten die Massen wieder nach draußen, Versammlung um die drei Dienstwagen. Einen Tick später, des besonderen Auftritts wegen, kommt Karl-Theodor eine große Treppe herunter, also nicht aus dem Haupteingang hinaus. Diese Politiker haben es ja auch tatsächlich perfektioniert mit den anderen Lokalpolitikern und den Bodyguards wichtig aussehende Formationen zu laufen. Kurze Zeit für Autogramme, „ach, alles Gute, Herr zu Guttenberg!“

Der Popstar fährt weg. Und alle so: Yeaahh!

(Beide Fotos von mir geschossen, leider mit dem iPhone, also kein Zoom und verwackelt, daher auch die originelle Markierung)

Eine Antwort to “Pop-Politik für die Mitte”

  1. ‚Mißfeldergeburten‘😀


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